Leseprobe
»Mord aus gutem Hause«

Jetzt war die Sekunde gekommen. Den Mann ins Herz zu treffen, schien schwierig. Er zappelte herum wie ein Techno-Freak auf Ecstasy. Doch plötzlich hielt er inne, stand stocksteif im träge fließenden Strom der Demonstranten da, als hätte man dem unter Strom Stehenden den Stecker rausgezogen. 

Er stand da, das Gesicht dem „Weißen Hasen“ zugewandt, die Augen geschlossen. Seine breite Brust unter dem albernen T-Shirt eine Zielscheibe wie sie deutlicher nicht sein konnte. 

Es klackte zweimal kurz hintereinander. Der erste Schuss war bereits tödlich. Der Griff nach der zweiten Waffe. Es waren noch ein paar Treffer erforderlich. Opfer gab es reichlich zur Auswahl. Es klackte noch drei Mal. Ein Geräusch, wie es Kieselsteine machen, man sie aneinanderschlägt.

Die blonde Frau, die versucht hatte, den Mann auf sich aufmerksam zu machen, hatte es kurz davor aufgegeben, sich umgedreht und lief nun die Annastraße gegen den Strom zurück Richtung Königsplatz. 

Melzick sah diesen Mann plötzlich stillstehen, als wäre er zu Eis erstarrt. Dann sah sie ihn fallen. 

Jocelyn neben ihr schrie auf. Zacharias war im wilden Rhythmus der Trommelgruppe gefangen und begriff nicht, was geschah. Jocelyn sank zu Boden. Melzick sah das Blut an ihrem Bein. Jocelyn stöhnte vor Schmerzen und Angst, Tränen schossen aus ihren Augen. Sie hielt das verletzte Bein umklammert. Melzick ließ das Transparent fallen. 

Die nachrückenden Demonstranten versuchten, der am Boden kauernden jungen Frau mit dem vor Schmerz verzerrten Gesicht auszuweichen und trampelten dabei über die blaugrüne Erdkugel hinweg. „VEGAN FOR THE PLANET“ wurde mit staubigen Turnschuhabdrücken gestempelt. 

»Zack! Hilf mir!«, rief Melzick und war dabei, Jocelyn hoch zu helfen. Zacharias starrte entsetzt auf das Blut, das aus einer fünf Zentimeter langen Wunde heraussickerte.

»Was ist denn los?«, schrie er fassungslos, »Jocelyn, was ist passiert? Was hast du?«

»Quatsch nicht, hilf mir lieber! Heb sie unter den Achseln hoch. Wir müssen hier weg!« Melzicks Befehlston wirkte. Gemeinsam hievten sie Jocelyn hoch. Sie schrie auf, als sie das verletzte Bein belastete.

»Da rüber, in den Laden rein!«, rief Melzick. »Schaffst du es allein? Jocelyn, stütz dich auf seine Schultern. Zack hilft dir. Ruf einen Notarzt. Es ist wahrscheinlich nur ein Streifschuss.«

»Ein was?«, kreischte Zacharias, doch Melzick war schon in Richtung des nächsten Opfers unterwegs. 

»Ruf mehr Notärzte!«, schrie sie Zacharias über die Schulter hinweg zu. Die Sambatrommler hämmerten unvermindert laut und rasend schnell ihren mitreißenden Rhythmus, begleitet von unzähligen Trillerpfeifen. Die aufgeheizte Stimmung trieb die Menge an, einfach weiter zu marschieren. Nur wenige hatten Jocelyns Sturz überhaupt mitbekommen. 

Melzick drängelte sich zu dem Mann durch, der ein paar Meter weiter vorn auf dem Pflaster lag. Sie hatte eine böse Ahnung und blickte sich suchend um. Von den Bereitschaftspolizisten war keiner zu sehen. Später würde sie erfahren, dass der Einsatzleiter die meisten rund um den Rathausplatz beordert hatte, da er dort am ehesten mit Ausschreitungen rechnete. Und weil dort die meisten Kameras und Reporterteams versammelt waren. Nur wenige seiner Männer patrouillierten an den Rändern des Demonstrationszuges durch die Annastraße. 

Als Melzick den Mann erreichte, kniete ein junger Polizeibeamter neben ihm. Er hatte den Helm abgesetzt und wendete sein schweißüberströmtes Gesicht ihr zu.

»Weitergehen! Nicht stehenbleiben!«, rief er ihr entgegen. Melzick zückte ihre Dienstmarke.

»Was ist mit ihm?« Wortlos deutete der Polizist auf zwei kleine, kreisrunde Löcher auf dem verschwitzten Superman-T-Shirt. Sie saßen genau da, wo die letzten zweiundvierzig Jahre bis vor wenigen Minuten ein Herz geschlagen hatte.

Der tote Riese blickte aus erloschenen dunklen Augen verwundert in den blauen Sommerhimmel über Augsburg. Auf seiner Stirn klebten schweißfeuchte Haare. Seine schwarze Afrolook-Mähne wirkte wie eine Perücke. Sein schwarzer, ungepflegter Vollbart verstärkte die wilde Erscheinung. 

Melzick spürte immer noch die unbändige Energie, die bis vor wenigen Minuten in diesem Körper gelodert hatte. Sie hatte einen Moment lang den verrückten Eindruck, der Mann könnte urplötzlich mit einem Wutschrei hochfahren, sie an den Schultern packen und durchschütteln, weil sie nicht besser aufgepasst hatte. »Drei Schüsse«, dachte Melzick, »und ich habe keinen einzigen gehört.«

»Wir müssen ihn hier wegschaffen«, rief der junge Polizist. Melzick schüttelte den Kopf.

»Auf gar keinen Fall. Er darf nicht bewegt werden! Holen Sie Verstärkung! Wir müssen die Stelle absperren.« Er starrte sie an und rührte sich nicht. »Der Mann ist erschossen worden. Das hier ist Mord! Er bleibt liegen! Ist das klar? Und jetzt ruf endlich die Verstärkung!« Er nickte etwas verwirrt und griff nach seinem Sprechfunkgerät. 

Melzick zögerte kurz, dann griff sie dem toten Falk in die Hosentasche, um zu sehen, ob er einen Ausweis bei sich hatte. Außer einem flachen Kieselstein mit einem perfekt ausgeschnittenen Loch fand sie nichts. Vermutlich ein Talisman, dachte sie und überlegte, ob sie den Körper umdrehen sollte, um seine Gesäßtaschen zu untersuchen. Sie entschied sich jedoch anders. Sie wollte seine Lage nicht verändern. Es war immerhin möglich, dass sich daraus ableiten ließ, von wo die Schüsse abgefeuert wurden. 

Melzicks Blick ging hinüber zur anderen Seite der Annastraße. Zwischen all den Vorbeimarschierenden, die unvermindert energisch ihre Sprechchöre schmetterten, sah sie einen alten Mann auf dem Boden sitzen, neben sich einen Hund.

»Hat es den etwa auch erwischt?«, dachte sie und fühlte ein Kribbeln im Nacken.

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