Leseprobe
»Mord aus kühlem Grund«

Das Fenster links von der Tür war mit einem Vorhang aus dickem Stoff verdeckt, dessen dunkle, rötlichbraune Farbe Melzick an getrocknetes Blut erinnerte. Sie spähte durch das rechte Fenster und erhaschte einen Blick auf ein Wohnzimmer, in dem die Zeit um 1970 herum stehengeblieben sein musste. Ein gewaltiger, graubrauner Fernsehapparat, dessen Bildschirm wundersamer Weise die Jahrzehnte unversehrt überstanden hatte, stand auf einem wackligen Nierentisch. Die Tapete mit psychedelischem Muster in Kaffeebraun, Orange und Sonnenblumengelb war an einigen Stellen abgerissen und hing in Fetzen herab. Im Hintergrund harrte ein in Nussbaum lackiertes Wohnzimmerbüffet auf daumendünnen, runden Holzbeinchen. Melzick schirmte die Augen mit beiden Händen ab und presste die Nase ans Fensterglas. Dort in der Ecke hinter einem Sessel lag etwas auf dem Boden, das ihr trotz brütender Hitze Kälteschauer über den Rücken jagte…

… Allmählich kam sie sich vor wie in einem Albtraum. Und wie in einem Albtraum spähte sie die schmale Holztreppe hoch, die ins Obergeschoss führte und deren dünnes Geländer bei der geringsten Berührung wackelte. Bis hierher und bei oberflächlicher Betrachtung war das Vierthalerhaus einfach nur ein seit vielen Jahren verlassenes Haus, das einige Gestalten als Spielplatz für ihren makabren Humor missbraucht hatten. Bis hierher hatte Melzick aber auch noch keinerlei Hinweis gefunden, dass Moritz hier gefangen gehalten worden war. …

… Sie stieg langsam die Stufen hoch und blickte dabei immer wieder über die Schulter nach unten. Die Hitze drückte auf das alte, brüchige Dach aus Holzschindeln und mit jeder Stufe stieg die Temperatur gefühlt um ein paar Grad höher. An die dunkelbraune Holzwand waren vergilbte Fotos aus alten Zeiten genagelt. Melzick erkannte das Vierthalerhaus in seinen jungen Jahren. Menschen waren fast nicht darauf zu erkennen. Nur auf einem Foto lehnte sich eine Frau mit weißen Haaren aus dem Fenster im ersten Stock. 

   Melzick betrat die oberste Stufe und befand sich auf einem schmalen Gang, der auf beiden Seiten jeweils nach ein paar Metern zu einer geschlossenen Tür führte. Das mussten die beiden Schlafzimmer sein. Melzick probierte zuerst die Tür auf der linken Seite. Dahinter vermutete sie das Zimmer mit dem eingeschlagenen Fenster, das zur Frontseite ging. Auch diese Tür war fest verschlossen. Sie spähte durchs Schlüsselloch, der Schlüssel fehlte, konnte aber nichts erkennen. An der Tür auf der rechten Seite hing ein altes Schwarzweißfoto, die Porträtaufnahme einer weißhaarigen Frau. Melzick war sicher, dass es dieselbe wie auf dem Foto an der Treppenwand war. Zu einprägsam waren die markanten, herben Gesichtszüge mit den dunklen, ernsten Augen. 

   Melzick nahm das Bild, das nur mit einer Reißzwecke befestigt war, ab und drehte es um. »Magdalena Vierthaler« stand in gestochen scharfer Sütterlinschrift darauf, sowie eine Jahreszahl: 1939. Melzick hängte es wieder an seinen Platz und drückte die Klinke herunter. Diese Tür ließ sich leicht öffnen. Sie stieß sie langsam auf, so weit es ging. Als erstes fiel ihr Blick auf ein ungemachtes Bett, das so wirkte, als hätte jemand es erst diesen Morgen verlassen. Das Fenster ging auf das verwilderte Grundstück hinter dem Haus. Melzick schob die staubigen, mottenzerfressenen Vorhänge zur Seite. Von hier oben konnte sie leicht ihr Rad ausmachen, das im tiefen Gras lag. 

   Sie drehte sich um und starrte auf die roten Flecken an den Wänden, die mit Spritzern wild übersät waren. Ihr stockte der Atem…

… »Melzick! Na endlich! Wo sind Sie denn, zum Teufel? Was ist mit Ihrem Handy los?« Melzick stand am oberen Treppenabsatz des Vierthalerhauses und versuchte, ruhig zu bleiben. Jemand musste im Keller sein. Sie hatte ganz deutlich Schritte auf knirschendem Glas gehört. Und dieser Eindringling hatte mit Sicherheit ihr Handy gehört. Wäre er doch nur eine Minute früher gekommen, da war es noch ausgeschaltet gewesen. Aber sie hatte Zweifel unbedingt von ihrem Fund berichten müssen und dabei festgestellt, dass er in den letzten Minuten schon vier Mal versucht hatte, sie anzurufen. Sie machte ein paar rasche Schritte in das Schlafzimmer, das sie nicht wieder hatte betreten wollen und schloss die Tür behutsam, ohne ein Geräusch zu verursachen. Dann flüsterte sie »no go« so leise, dass Zweifel es gerade noch verstehen konnte. Das war ein Code, den sie für den Fall vereinbart hatten, dass Gefahr im Verzug war und dass der Angerufene nicht reden konnte. Zweifel schaltete sofort.

   »Sind Sie noch in diesem Haus, von dem Moritz gesprochen hat?« Sie klopfte mit dem Fingernagel einmal aufs Mikrofon für »ja«. Zweifel sprach rasch und dämpfte unwillkürlich ebenfalls seine Stimme. 

   »Okay. Hören Sie zu… In dem Durcheinander mit Notarzt, Sanitätern und neugierigen Nachbarn hat Melchior sich aus dem Staub gemacht. War mein Fehler. Er ist mit seinem Audi geflohen. Die Fahndung läuft. Seien Sie auf der Hut! Ist noch jemand im Haus?« Wieder klopfte Melzick einmal mit dem Fingernagel.

   »Verdammt«, zischte Zweifel.

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