Leseprobe
»Mord aus heiterem Himmel«

… Melzick klammerte sich an der rutschigen Rinde fest, schwang ihre Beine hoch und schlang sie um das feuchte Holz. Sie hing da an diesem Ast wie ein Faultier im Regen. Alba hatte nichts bemerkt. Er hätte sich weit aus dem Fenster lehnen müssen, um sie zu entdecken, doch er befand sich auf dem Weg zu fernen Ländern. Davon konnte Melzick nichts ahnen. Hätte sie seinen schmächtigen Körper auf dem Siebzigerjahre-Sitzsack liegen sehen, die Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen, zwischen den dünnen Fingern einen großzügig gefüllten Joint, dann wäre sie entspannter gewesen. So aber rechnete sie damit, jeden Moment von ihm entdeckt zu werden.
Sie hangelte sich mit allen Vieren den Ast entlang, der unter ihrem Gewicht auf und abschwang. Der Regen prasselte unvermindert. Sie beeilte sich, ihre Kräfte ließen nach. Mit Schrecken spürte sie, wie ihr Smartphone sich selbständig machte. Es rutschte aus ihrer Gesäßtasche und fiel hinab in den dunklen, feuchten Wald.
Melzick machte sich bewusst, dass sie fünfzehn Meter über dem Erdboden hing und verdoppelte ihre Anstrengungen. Endlich war sie am Stamm der Buche angelangt, umklammerte ihn und suchte mit den Füßen Halt.
Die ersten Äste, auf denen sie zu stehen kam, hielten und hatten den richtigen Höhenabstand zueinander. Je weiter sie nach unten kletterte, desto größer wurden diese Abstände. Die letzten Meter bis zum Waldboden würde sie springen müssen.
Sie schaute hoch zum Baumhaus, das wie ein großer, dunkler Troll schräg über ihr auf dem Nachbarbaum hockte. Dann wischte sie sich mit ihrem Ärmel den Regen aus dem Gesicht. Im nächsten Moment hörte sie ein Knacken. Sie sackte ein Stück tiefer. Ihre suchenden Hände glitten an der nassen Baumrinde entlang, schürften sich auf.
»Na prima«, dachte sie wütend. Dann stürzte sie ab. …

… Lucy versuchte es noch einmal bei Zweifel, verzichtete dann aber darauf, einen weiteren Kommentar auf seine Mailbox zu sprechen. Wozu auch, wenn er gerade, arg ramponiert, durch die Glastür vor ihre Theke taumelte.
»Um Gottes Willen, wie sehen Sie denn aus!« Er hob schwach eine Hand und ließ sich dann auf einen der Besucherstühle fallen. Sein linkes Auge war zugeschwollen, ein gewaltiger Bluterguss bedeckte seine ganze linke Gesichtshälfte. Hemd und Hose waren total verdreckt und teilweise zerrissen; die Schuhe sahen aus wie nach einem Zwanzigkilometermarsch durchs wilde Kurdistan.
»Kaffee wäre gut, Lucy«, brachte er schwach hervor.
»Sie brauchen einen Arzt, winken Sie nicht ab. Das sieht böse aus. Hier.« Sie reichte ihm einen Kaffeebecher, während sie noch im Stehen telefonierte. Zweifel nahm vorsichtig einen Schluck, hustete und nahm noch ein paar Schlucke.
»Klopfer hat schon nach Ihnen gefragt, wegen der Pressekonferenz. Na, die fällt ja wohl flach.« Zweifel schüttelte den Kopf.
»Na ja, Melzick ist ja auch noch da, die kann Sie vertreten, wenn Sie dazu in der Lage ist.« Lucy hatte sich wieder auf ihrem Bürostuhl niedergelassen. »Der Arzt wird gleich da sein.«
»Dr. Kälberer?« Lucy schaute ihn todernst an.
»Sie sehen zwar übel aus, Kommissar, aber so übel, dass ich einen Pathologen auf Sie hetze, auch wieder nicht.« Zweifel versuchte ein Lächeln. Es misslang. Er konzentrierte sich wieder auf seinen Kaffee. Lucy ließ ihn nicht aus den Augen, während sie Klopfer informierte.
»Schicken Sie ihn rein und drücken Sie ihm einen Kaffee in die Hand«, sagte dieser. Lucy zwinkerte Zweifel zu, der seine fast leere Tasse gerade auf ihrer Theke abstellte. Sie füllte sie erneut mit ihrem dampfenden, schwarzen Gebräu und nickte zu Klopfers Tür hin.
»Gut, dass Sie pünktlich …«, Klopfer blieb das Wort im Hals stecken, als er seines Untergebenen ansichtig wurde. »Was zum Teufel …?« Zweifel unterbrach ihn mit einer müden Handbewegung und setzte sich etwas schwerfällig in einen der Sessel am Besprechungstisch.
»Ist das mein Kaffee?«, fragte Klopfer.
»Nein, meiner, aber wenn Sie möchten, Chef«, sagte Zweifel und schob seine Tasse in Richtung Chef. Dieser stürmte hinaus, um seiner Empfangsdame den Sinn seiner Anweisungen zu verdeutlichen. Lucy stand vor der Tür mit einer zweiten Tasse in der Hand und einem unschuldigen Ausdruck im Gesicht.
»Hab’ nur gemacht, was Sie gesagt haben«, sagte sie. Klopfer bedachte sie mit einem grimmigen Chefgesicht, was ihm nicht so recht gelingen wollte, verdrehte ersatzweise die Augen, nahm ihr die Tasse aus der Hand und knurrte ein »Danke« aus dem Mundwinkel. Er setzte sich neben den Kommissar an den Besprechungstisch und musterte dessen Erscheinung eine Weile schweigend. Schließlich konnte er nicht länger nichts sagen.
»Ich habe schon öfters die Erfahrung machen dürfen, dass man meinen Hinweisen und Anweisungen keine Bedeutung schenkt.« Zweifel schaute ihn an.
»Daher wundert es mich nicht, dass Sie meine Bemerkung, Sie sollten sich etwas Ordentliches anziehen, sehr eigenwillig ausgelegt haben. Aber «, hinderte er Zweifel an einer Antwort, »wenn ich mir Ihr Gesicht so ansehe, vermute ich schlagende Argumente auf Ihrer Seite.«
Er beugte sich vor und legte die Hand auf den Arm seines besten Mannes.
»Was ist denn passiert, Zweifel? Frau Lucy hat schon einen Arzt gerufen, nehme ich an?« Zweifel nickte. Dann berichtete er in kurzen und abgehackten Sätzen von seinem Fund auf dem Lindberghof.
»Wir müssen sofort ein paar Leute rausschicken, um den Korb sicherzustellen«, sagte Klopfer.
»Das können Sie gerne tun, Chef, aber ich bin sicher, dass die dort nichts finden werden. Wer mich aus dem Weg räumen wollte, hat auch das verflixte Ding aus dem Weg geräumt. Aber ich weiß, was ich gesehen habe.« Zweifel holte den kleinen Metallzylinder aus seiner Hosentasche und legte ihn auf den Glastisch.
»Was ist das?«, fragte Klopfer. …

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