Sie marschierten in einer Reihe los und stapften über den breiten Sandstrand auf den Dschungel zu. Der Weg war weiter, als sie gedacht hatten. Beim Näherkommen merkten sie, dass die Bäume des Urwalds riesig waren.

»Hier drin könnte man leicht die Canneloni verstecken und würde sie nie wiederfinden«, sagte Toby. »So große Bäume hab ich noch nie gesehen.«

»Die Bäume stehen uns nicht im Weg«, sagte Käpt’n Sansibo, »aber das, was um sie herum wächst.« 

Er hatte Recht. Da waren Schlingpflanzen, die sich wie Kletten um die Beine schlängelten und einen ins Stolpern brachten. Wild wuchernde Sträucher mit riesigen Blättern, die wie Trichter 

aussahen, aus denen ein übler Geruch aufstieg. Giftgrüne und purpurfarbene Farne, die mit ihren Tentakeln nach allen Seiten tasteten. Armdicke, haarige Lianen, schrecklich stinkende blutrote Blüten und Dornenranken, die ihre Dolche wie Widerhaken in alles schlugen, was ihnen zu nahe kam. 

Der Boden war glitschig von feuchtem, moderndem Laub, sumpfig an manchen Stellen, so dass man knietief versank. Bisweilen gab es eine trügerisch trockene Stelle, mit Sand bedeckt. Der war besonders gefährlich, denn es war Treibsand. 

Mehr als einmal mussten sie sich gegenseitig mit größter Mühe herausziehen. Immer wieder blieben sie stehen, um zu verschnaufen. Sie hörten nur ihren keuchenden Atem. Und wenn der sich beruhigt hatte, hörten sie gar nichts mehr. Der dichte Dschungel um sie herum verschluckte jedes Geräusch. Es war totenstill. 

Und das machte Kullerjan, Bullerjan, Toby und dem Käpt’n am meisten zu schaffen.

»Wird Zeit, dass wir hier wieder rauskommen«, brummte der Käpt’n und schnaufte schwer.

»Die Richtung stimmt doch noch, oder?«, wollte Toby wissen und wischte sich mit dem Arm den Schweiß aus der Stirn. 

Kullerjan und Bullerjan hatten das meiste zu tragen. Ihre Gesichter waren vor Anstrengung knallrot. Sie standen direkt hinter Toby und hatten keine Luft, nicht mal für einen einzigen Satz. Dauernd waren sie damit beschäftigt, nach Schlangen Ausschau zu halten. Obwohl Käpt’n Sansibo den Weg mit seinem Säbel freischlug, schloss sich der Urwald gleich hinter Kullerjan, der als Letzter ging, wieder dicht zusammen. Wo sie gerade eben noch marschiert waren, wucherte nichts als feindliches Grün. 

Käpt’n Sansibo holte wohl zum zehnten Mal seinen Kompass hervor. Auf den waren sie dringend angewiesen. Denn wegen

des dichten Blätterdaches über ihnen, konnten sie sich nicht nach der Sonne richten. Der Käpt’n zeigte nach vorn.

»Es kommt mir zwar vor, als ob wir die ganze Zeit im Kreis gelaufen sind, aber wenn das Ding hier funktioniert, dann müssen wir da lang«, schnaufte er.

»Kurze Pause«, sagte Toby. »Ich hab Durst.« Sie holten ihre Wasserflaschen aus den Rucksäcken und nahmen einen ordentlichen Schluck. Die gespenstische Stille, undurchdringlich wie der Dschungel, lag wie eine schwere Decke auf ihnen. Käpt’n Sansibo wollte gerade das Zeichen zum Weitergehen geben, da hörten sie es zum ersten Mal. Kullerjan und Bullerjan rissen ihre Augen auf.

»Was war das?«, fragte Toby. Käpt’n Sansibo hob eine Hand und blickte nervös um sich.

»Still«, flüsterte er. Sie standen alle vier reglos da und warteten mit angehaltenem Atem. Da war es wieder. Ein Geräusch, als ob etwas sehr Großes sich durch den Urwald zwängte. Laub, das heftig raschelte. Dicke Zweige, die mit einem Knacken zerbrachen. Dumpfe Aufschläge wie von sehr schweren Tritten. Es war nur ein paar Sekunden zu hören, dann war wieder ohrenbetäubende Stille.

»Es kommt näher«, meinte Toby leise, denn beim zweiten Mal waren die Geräusche deutlich lauter gewesen.

»Wir müssen hier so schnell wie möglich raus«, knurrte der Käpt’n und hieb energisch auf die nächsten Dornenranken und Lianen ein.

»Unter mir bewegt sich wat«, rief Bullerjan plötzlich.

»Wat langes dünnes«, rief Kullerjan.

»Bewegt euch nicht! Keinen Millimeter!«, befahl der Käpt’n. Toby blickte nach unten und sah, wie eine leuchtend grüne Schlange, so dünn wie sein Daumen an seinen Stiefeln vorbeikroch. Sie war sehr schnell. Ihr Kopf hatte Käpt’n Sansibos Stiefel erreicht, doch ihr Schwanz war immer noch hinter Kullerjan irgendwo im Dickicht. Sie bewegte sich vollkommen lautlos und sie war sehr sehr sehr lang. Alle vier starrten nach unten und beobachteten, wie ihr grün schimmernder Körper sich gefährlich nahe an ihren Füßen vorbeischlängelte. Dann war sie verschwunden.

»Von der Schlange kamen die Geräusche jedenfalls nicht«, meinte Toby.

»Sie hat anscheinend dieselbe Richtung wie wir«, brummte der Käpt’n.

»Vielleicht lassen wir ihr einen kleinen Vorsprung. Nicht dass noch einer aus Versehen auf sie tritt«, versuchte Toby einen kleinen Scherz. Aber keiner lachte. In diesem Moment erzitterte der Erdboden, waren die gewaltigen dumpfen Schritte wieder zu hören. Nervenzerreißendes Splittern von dickem Holz jagte ihnen Schauer über den Rücken.

»Dat war jetzt aber verdammt nah«, raunte Bullerjan.

»Mir is dat viel zu nah«, rief Kullerjan.  Als Letzter in ihrer Reihe war er diesem riesigen Wesen, von dem sie noch kein Härchen gesehen hatten, am nächsten.

»Bleibt nah beisammen, es kann nicht mehr weit sein«, rief Käpt’n Sansibo und hieb wild auf das grüne Gewächs ein, das sich ihnen unaufhörlich in den Weg stellte. Sie liefen so dicht hintereinander, dass sie höllisch aufpassen mussten, dem Vordermann nicht in die Hacken zu treten. Nach einer Weile meinte Toby:

»Da vorn wird’s heller.«